|
Aufbruch im alten Industriekiez
Donnerstag, 6. November 2008 19:58 - Von Sabine Flatau
Öko-Häuser, Kunsthallen und Hochschullabor: Die Ortsteile Ober- und Niederschöneweide sind in Bewegung. Und das Selbstbewusstsein ihrer Bewohner steigt. Gleich im Süden schließt sich Johannisthal an. Hier wurde einst Fluggeschichte geschrieben.
Und zum Beispiel hier kauft man in Schöneweide ein: an der Schnellerstraße.
Oberschöneweide ist in Bewegung. So wie der Fluss, an dem das alte Industrieviertel liegt. Jetzt erobern Künstler und Studenten die großen Fabrikhallen. Viele Hallen stammen aus der Ära des AEG-Begründers Emil Rathenau. Sie üben eine magische Anziehungskraft aus. Zum Beispiel auf den Maler Jürgen Draeger. „Die alten Bauten haben Kraft und Aufbruch in sich“, sagt der 68-Jährige. Draeger ist vor einem Jahr nach Oberschöneweide gekommen. Ein Gebäude des Transformatorenwerks ist zum ansehnlichen Atelierhaus geworden.
Dort lebt und arbeitet der Künstler. Vorher hat er in Wilmersdorf gewohnt. Für Draeger ist der Umzug „ein geglückter Reinigungsprozess. Eine Beseitigung der verführerischen Giftstoffe der Großstadt“. Das Atelierhaus ist Teil einer neuen Kunstlandschaft. Gleich daneben liegt die Werkstatt der Künstlergruppe Dead Chickens, bekannt durch ihre Metallmonster. Auf demselben Grundstück bietet die Karl-Hofer-Gesellschaft jungen Künstlern Ateliers an. Nicht weit entfernt liegen die Reinbeckhallen. Wo früher Transformatoren hergestellt wurden, entstehen Schauhallen für moderne Kunst.
Oberschöneweide verändert sich. Im Wohngebiet nördlich der Wilhelminenhofstraße sind viele alte Häuser saniert. Spielplätze entstanden. Nicht weit ist es bis zum FEZ Wuhlheide, dem beliebten Freizeitzentrum für Kinder und Jugendliche. Im Kiez ist eine neue Form des Selbstbewusstseins gewachsen. Bewohner und Geschäftsleute haben sich in der Bürgerplattform „Organizing Schöneweide“ zusammengefunden. Sie wollen mitbestimmen, was im Ortsteil geschieht. Ihr großes Ziel wird Wirklichkeit: Die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft siedelt sich auf dem Gelände der Kabelwerke Oberspree an.
Jahrelang hatte sich die Bürgerplattform dafür eingesetzt. Beharrlich diskutierten ihre Vertreter mit Politikern darüber, wie das mehr als 100 Millionen Euro teure Vorhaben zu verwirklichen sei. Mit Erfolg. Seit 2005 werden Hörsäle, Labore und Werkstätten in den Wilhelminenhöfen eingerichtet. „Der Campus ist toll“, sagt die Studentin Nina Gehrmann. „Die Labore sind perfekt ausgestattet.“
Auch Professorin Ruth Keller-Kempas ist begeistert: „Ich freue mich jeden Tag über die Wilhelminenhofstraße und am wunderbaren Umspannwerk.“ Die Wissenschaftlerin restauriert mit ihren Studenten einen alten Hochfrequenzstufenwagen aus dem Technikmuseum. Jedes Stück Lack wird konserviert. Nach der Arbeit fährt die Professorin mit der Tram die Wilhelminenhofstraße entlang, über die Treskowbrücke zum Bahnhof in Niederschöneweide. Auch der Kaisersteg führt von Ober- nach Niederschöneweide. Dort liegen die Industriebrachen noch im Dornröschenschlaf.
Dennoch hat der Kiez seine schönen Seiten. Anita Engelmann kennt sie. Die Architektin wohnt hier seit 20 Jahren. „In der Nähe sind Parks und Spielplätze“, sagt sie. An der Flutstraße, hat Anita Engelmann gemeinsam mit Freunden, Bekannten und Verwandten ein verfallendes Wohnhaus umgebaut und saniert. 2006 wurde das „Sonnenhaus“ fertig. Die älteste Bewohnerin ist 81 Jahre alt. Eine Wohnung ist für eine Rollstuhlfahrerin hergerichtet. Junge Leute leben in der WG im ersten Stockwerk. Am Abend schimmern Kerzenlichter hinter den großen Fenstern des Cafés „Cabiola“ im Erdgeschoss. Dort hat Schriftsteller Bastian Schlickeisen seinen Gedichtband „Das Wort Ja“ vorgestellt. Auch er mag den Kiez: „Es gibt keine Ablenkung durch die Szene.“
Jenseits vom Bahnhof Schöneweide liegt Johannisthal – berühmt als Wiege des deutschen Motorflugs. Bis heute beliebt als ruhige Wohngegend. Georg Zeller, seine Frau und seine Tochter haben sich den Traum vom eigenen Haus erfüllt. Sie gehören zur Baugemeinschaft „Rundlinge“, die am Rande des Landschaftsparks eine Siedlung errichtet hat. „Man wohnt im Grünen und kommt rasch dahin, wo viele Häuser sind“, sagt Zeller. „Es ist ruhig und abgelegen“, schwärmt Ehefrau Ruth. „Alles wächst gut und schnell“, sagt Katharina Zeller (26). Zumindest im Garten. Nicht ganz so schnell kommt ein anderes Vorhaben der „Rundlinge“ voran: das Gemeinschaftshaus. Es wird noch geplant.
|