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Die Zukunft aussitzen
Der ehemalige Industriestandort Oberschöneweide soll zum Kreativzentrum werden. Im neuen Atelierhaus 79 bekommen Künstler einen Eindruck davon, was es heißt, Pioniere in der Ödnis zu sein
VON NINA APIN
Die Wilhelminenhofstraße in Oberschöneweide ist ein lebendiges Denkmal für den Niedergang des Industriestandorts Berlin. Anfang des 20. Jahrhunderts erstreckte sich hier entlang der Spree "Elektropolis", ein gigantisches industrielles Ballungsgebiet von Betrieben der Elektro- und Metallindustrie. Die Stockwerksfabriken, Produktionshallen, Mietshäuser und Verwaltungsbauten gehörten damals zur modernsten Architektur ihrer Zeit.
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Heute sind die Betriebe abgewickelt, Industrielle und ArbeiterInnen verschwunden. Was übrig bleibt, sind muffige Miederwarengeschäfte, Erlebniskneipen, die "Schmackofatz" heißen, und viel Leerstand. In den Rathenau-Hallen, wo einst AEG-Gründer Emil Rathenau residierte, versorgt heute eine Lidl-Filiale die Anwohner mit billigen Lebensmitteln.
Doch hinter den gelben Backsteinmauern, hinter denen früher malocht wurde, vollzieht sich eine Wandlung. Die Wilhelminenhofstraße setzt auf das, was in Berlin Zukunft hat und erfindet sich neu - als Zentrum für Kreative.
Wo früher das Kabelwerk Oberspree war, lernen heute 1.000 Studierende der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) Gestaltung - bis 2010 soll die ganze Hochschule mit 6.000 Studierenden auf den neuen Campus umgezogen sein. Nebenan, in den ehemaligen AEG-Transformatorenwerken, bietet die Karl-Hofer-Gesellschaft der Universität der Künste ihren StipendiatInnen Arbeitsateliers. Auf dem 14.000 Quadratmeter großen Grundstück zur Spree hin, wo die 1924 erbauten "Reinbeckhallen" vor sich hin rosten, soll bald ein Zentrum für Gegenwartskunst entstehen. Die "Schauhallen" werden unter einem Dach Platz bieten für Dependancen großer Museen, für Galerien und ganze Privatsammlungen. Im kommenden Jahr soll der Bau beginnen.
Im Haus 79 der ehemaligen Niles-Werkzeugmaschinen-Fabrik, später AEG-Transformatorenwerke Oberschöneweide (AEG-Tro), hat die Zukunft schon begonnen. Am Montag wird das Atelierhaus 79 eröffnet. "25 Räume für Kulturschaffende aller Art, Modedesignerinnen, Kulturvermittlungsbüros und KünstlerInnen", zählt Anke Schuster auf. Sie ist die Vermietungsmanagerin der gemeinnützigen Gesellschaft für Stadtentwicklung (GSE), die das Objekt verwaltet. Schuster präsentiert stolz die leeren, frisch verputzten Räume, die sich mit Leben füllen sollen - rund die Hälfte sei bereits vermietet oder reserviert.
So gut sah es in der Wilhelminenhofstraße 83-85 nicht immer aus: Der Berliner Unternehmer Peter Barg, Geschäftsführer von "Ruhnke Optik", wollte aus dem 1997 aufgegebenen AEG-Werk das "Kultur- und Technologiezentrum Rathenau" machen. Die Insolvenz des Projektes beendete 2006 die großen Pläne, das Gelände lag brach. Ein irischer Investor, die "Toruro GmbH", kaufte schließlich das 73.000 Quadratmeter große Areal mit Spreezugang.
Vom Renditestreben der fernen Eigentümerin sei bislang nichts zu merken, sagt Schuster. Direkt am Wasser seien teure Lofts und Gewerberäume durchaus denkbar; was der Investor dort vorhabe, wisse man nicht. "Es gibt keinen Gesamtplan für das ganze Gelände", sagt Schuster. Bei der Entwicklung des Hauses 79 zum Atelierstandort lässt die "Toruro GmbH" Schuster und ihren KollegInnen von der GSE jedenfalls freie Hand. Die Vermietung folgt Berliner Maßstäben: wenige große und teure Ateliers für arrivierte Künstler, daneben viele kleine mit erschwinglichen Mieten für die mäßig Verdienenden. Jürgen Draeger gehört zur ersten Kategorie, er hat sich das Filetstück des Hauses gemietet: 220 Quadratmeter im ersten Stock, vier Meter Deckenhöhe, großzügiges Oberlicht. Wo früher Ingenieure über Bauplänen brüteten, kann er sich ausbreiten. Um mehr Platz zu haben, hat der 67-jährige Künstler den Lichtschacht in der Mitte des Bodens zumauern lassen. Das ist etwas blöd für die Mieter im Untergeschoss, bei denen es nun dunkler ist. Aber Draeger hat dafür versprochen, die amerikanische Küche in seinem Atelier für die Nachbarn zu öffnen.
Auch den zugemauerten Übergang zum Nachbargebäude will er wieder freilegen. Der gehbehinderte AEG-Gründer Rathenau ließ einst die schmale Brücke im ersten Stock als Abkürzung zu seinen Ingenieuren im Hinterhaus bauen, heute ragt der zugemauerte Gang wie ein Blinddarm aus dem Atelier heraus. Draeger hat sie "Seufzerbrücke" genannt und will Bäume darin pflanzen.
Der schnauzbärtige Künstler, der mit Schieberkappe und grobkariertem Hemd an einen Hauptmann von Köpenick in Zivil erinnert, hat gleich noch einen zweiten Raum gemietet: "für meine Bibliothek, mein Archiv und zum Pennen". Draeger, der durch Porträts des Exbundeskanzlers Willy Brandt zu gewisser Berühmtheit gelangte, hatte seine Heimatstadt Berlin vor Jahren im Streit verlassen. 14 Jahre reiste er durch die Welt. Jetzt will er mit einem multimedialen Heimat-Projekt seinem Berlin-Gefühl nachspüren.
"Wo, wenn nicht hier?", fragt er rhetorisch und deutet aus dem Fenster: Gegenüber die ehrwürdige Fassade der Rathenau-Hallen, auf dem Lidl-Parkplatz RentnerInnen mit Handkarren, rechts die verschlafene Hauptstraße. "Ein robuster, illusionsloser Ort, eine harte Struktur, eine verlorene Welt", schwärmt der Künstler. Hier, hofft er, werde seine Arbeit besser gedeihen als am behäbigen Lietzensee in Charlottenburg, wo er bisher sein Atelier hatte.
Auch Johan Jacobs ist ein Oberschöneweide-Enthusiast. Obwohl der schweigsame Typ, dessen Basketball-Bilder die Max-Schmeling-Halle zieren, nicht so viele Worte darum macht. Jacobs wohnt in Karlshorst und malt schon seit 1998 auf dem ehemaligen AEG-Gelände. Zeitweise, sagt er, war er der Einzige dort, neben dem Wachschutz. Aber er hielt aus. Warum? Jacobs steht ein wenig verloren in seinem nagelneuen Atelier im Untergeschoss: 53 sehr weiße Quadratmeter, 350 Euro warm, Spülbecken, Küchenzeile, Dusche und Klo.
Die Schiebetür an der Stirnseite des Raums führt nirgend wohin. Hier sollte mal das Bistro des "Kultur- und Technologiezentrum Rathenau" rein. "Wurde ja nix draus", sagt der Maler. Er ringt nach Worten, um seine Faszination zu erklären. "Die Gegend macht was mit einem", sagt er zögernd. "Dieser Leerstand, der hat was Gewalttätiges." Er überlegt. "Inspiration für Ihre Arbeit?", hilft die Vermieterin Schuster nach. Jacobs grinst: "Die Werke derer, die hier herkommen, werden sich jedenfalls verändern. Sie werden sehen."
Bisher verändert sich vor allem die Gegend. Der "Kaisersteg", die historische, von den Nazis gesprengte Brücke, verbindet seit diesem Jahr wieder Ober- und Niederschöneweide. Am Spreeufer betonieren Bauarbeiter Bänke und Stufen für den künftigen Stadtpark. Bald soll eine Uferpromenade an den denkmalgeschützen Industriedenkmälern entlangführen. Oberschöneweide macht sich hübsch für die Zukunft als Kreativstandort mit Naherholungswert.
Von der neuen Brücke blickt man auf die Fabrikanlagen an der Spree, die verschlafen in der Herbstsonne leuchten. "Balfour Beatty", wirbt eine blaue Neonschrift für einen noch immer hier produzierenden Schienensystemhersteller. Aus den Buchstaben ließe sich ein prima Slogan für die erwachte Gegend zusammensetzen: "Beauty laBor".
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