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| Ganz weit draußen |
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Berlin soll ein neues Kunstzentrum bekommen. Ausgerechnet in Oberschöneweide von Elisabeth Schwiontek Ein imposanter Auftakt: Der Weg zu den Reinbeckhallen in Oberschöneweide führt durch eine Allee, die mächtige Pfeiler einer still gelegten Kranbahn säumen. Weit oben schaukelt die verlassene Führerkabine mit orangefarbenen, zerbrochenen Fensterscheiben. Die rote Buchstabenreihe auf graubrauner Mauer, die einst auf das "Transformatorenwerk Karl Liebknecht" hinwies, ist längst nicht mehr vollständig. Zwischen den 1996 stillgelegten Fabrikhallen wuchert Unkraut. Sprayer haben sich an den Wänden der Industrieruinen versucht. Glassplitter von eingeschlagenen Fensterscheiben knrischen unter den Schritten, und auf der stillen, breiten Spree ziehen langsam Lastkähne vorbei. Bis vor kurzem drohte den Reinbeckhallen im Bezirk Treptow-Köpenick noch der Abriss. Jetzt steht ihnen eine glänzende Zukunft bevor, zumindest wenn zwei Männer ihre Vision verwirklichen. Der Galerist Helmut Schuster und der Rechtsanwalt und Galeriebesitzer Sven Herrmann haben Grundstück und Gebäude von der Treuhand Liegenschaft Gesellschaft gekauft und möchten hier 2007 die "Schauhallen Berlin" eröffnen. Geplant ist ein international ausgerichtetes Zentrum der Gegenwartskunst "auf höchstem Niveau". 16 Galerien, eine englische und eine deutsche Privatsammlung sowie zwei Museums-Dependancen sollen Kunstfreunde und vor allem Käufer in den Südosten Berlins locken. Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst hat seine Absicht erklärt, hier eine (mietfreie) Filiale in Oberschöneweide zu eröffnen. Mit dem New Yorker Whitney Museum laufen noch Verhandlungen. Die 16 Galerien sollen mit ihren Mietzahlungen den laufenden Betrieb finanzieren. Zunächst müssen aber rund zehn Millionen Euro investiert werden, um die vier Werkhallen fit für die Umnutzung zu machen. Feuertreppenromantik und viel Ruhe Drei Hallen sind aus ockerfarbenem Backstein gebaut und stammen aus den 20er Jahren, die vierte ist eine Betonplattenkonstruktion aus DDR-Zeiten. Nach Plänen des Architekturbüros Kahlfeldt sollen die Gebäude mit orange emaillierten Fassadenblechen verkleidet und durch eine monumentale Dachkonstruktion verbunden werden. Sven Herrmann ist zuversichtlicht, "Großsponsoren" für die notwerndigen Investitionen zu finden. Einwände, das Kunstzentrum in spe liege womöglich zu weit außerhalb, um funktionnieren zu können, hält er für eine "typisch Berliner Sichtweise". Beim Bau der Tate Modern im Londoner East End zum Beispiel sei die Ansiedlung in der Peripherie gar kein Thema gewesen. "Die Industriekulisse von Oberschöneweide und die Lage an der Spree machen den Standort einzigartig", sagte Herrmann. "Außerdem liegen die Hallen genau zwischen dem Flughafen Schönefeld und dem Stadtzentrum, geradezu ideal." Die Künstler, die schon jetzt in Oberschöneweide arbeiten, sehen die Lage nicht ganz so euphorisch. Unmittelbar neben den Reinbeckhallen, in einer ausgebauten Fabriketage auf dem Gelände des "Kultur- und Technologiezentrums Rathenau", unterhält die Karl-Hofer-Gesellschaft seit 1997 eine Galerie und 14 Studios für ihre Stipendiaten. Der Maler Oliver Lanz weiß sein Atelier mit 40 Quadratmetern und Spreeblick zu schätzen: "Ich habe hier viel Ruhe zum Arbeiten." Lanz sieht das Schauhallenprojekt positiv, gerade im Hinblick auf die Arbeitsatmosphäre für die zukünftigen Stipendiaten: "Interessante Kunst, sexy verpackt, zieht immer." Allerdings mussten er und seine Kollegen sich erst auf die weiten Anfahrtswege aus Mitte, Prenzlauer Berg oder Kreuzberg einstellen. Und die Einsamkeit im Backsteingebäude mit der Feuertreppenromantik sei auch nicht immer inspirierend. Lanz hat seine Zweifel an den Ähnlichkeiten mit Londons Peripherie: "East End ist nicht so tot wie Oberschöneweide." Zwiespältige Erfahrungen macht auch die spanische Künstlerin Teresa Puig, die für ein dreimonatiges Arbeitsstipendium nach Oberschöneweide gekommen ist: "Ich hatte noch nie so viel Ruhe. Aber ich wünsche mir schon mehr Leben und künstlerischen Austausch." Die Docklands von Treptow-Köpenick Ähnliche Wünsche haben auch die Stadtentwickler des Senats, die aus der verfallenen Hochburg der Berliner Elektroindustrie einen attraktiven Kulturstandort machen möchten. So will der Senat nicht nur die verwilderte Umgebung der Reinbeckhallen mit Uferweg, Fußgängerbrücke und "Kranbahnpark" neu gestalten. Im Mai wird auf dem benachbarten Rathenau-Gelände ein weiteres Atelierhaus eröffnet, finanziert aus EU- und Landesmitteln. Das Atelierbüro im Kulturwerk des Berufsverbands Bildender Künstler Berlins (BBK) wird die Plätze ausschreiben und vergeben. Nach Auskunft des Atelierbeauftragten Florian Schöttle soll es für zehn der 30 Atelierplätze ein Vorschlagsrecht geben, das unter anderem den beiden Schauhallen-Investoren zusteht. Ziel ist, in diesen zehn Ateliers vor allem renommierte Künstler einzuquartieren, die mit dem Glanz ihres Namens zum Aufschwung im Berliner Südosten beitragen sollen. Atelierförderung ist hier also weniger als Künstlerförderung zu verstehen denn als Instrument der Stadtentwicklung. Die Umnutzung der Reinbeckhallen ist eine konzentrierte Aktion, an der neben Stadtentwicklern und den beiden Galerien auch Schöttle seinen Anteil hat. Der Künstlerlobbyist, sonst ein Verfechter innerstädtischer Atelierräume, schwärmt von Oberschöneweide: "Hier haben wir die Möglichkeit, mit den Schauhallen und angrenzenden Ateliers einen Kunststandort mit professioniellen Strukturen dauerhaft zu verankern. In zehn Jahren ist Oberschöneweide ein innerstädtischer Bereich." Schöne Aussichten. Allerdings lässt sich eine solche Entwicklung nicht bis ins Letzte planen. Die Frage ist, ob genügend Künstler und Galeristen die Docklands von Treptow-Köpenick nicht nur charmant finden, sondern auch Infrastruktur und Arbeitsbedingungen attraktiv genug, um sich tatsächlich dort anzusiedeln.
Dieser Artikel erschien im Stadtmagazin zitty in der Ausgabe 5 im März 2005, Seite 70 bis 71.
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